Nature and lake

Mit e-NG von Net Zero zu CO₂-negativ – ein Gespräch mit Jens Schmidt

Industrie
December 10, 2025
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Emissionen zu senken, reicht nicht mehr aus. Um das Klima wieder in Balance zu bringen, muss das nächste Kapitel der Energiewende darauf abzielen, CO₂ aktiv aus der Atmosphäre zurückzuholen. Dieser Übergang von „weniger Kohlenstoff“ zu „negativem Kohlenstoff“ markiert die ambitionierteste Stufe der Dekarbonisierung – und genau hier setzt TES neue Maßstäbe.
Im Zentrum dieser neuen Phase steht e-NG (electric natural gas): nicht nur eine grüne Alternative, sondern ein Katalysator für Veränderung. e-NG entsteht aus erneuerbarem Wasserstoff und biogenem CO₂ und lässt sich ohne Anpassung in bestehender Gasinfrastruktur nutzen. Gleichzeitig bietet es das Potenzial, über Klimaneutralität hinauszugehen und CO₂-negativ zu werden, wenn das entstehende CO₂ dauerhaft gespeichert wird.
Das bedeutet eine grundlegende Verschiebung unseres Energieverständnisses. Energieproduktion kann durch e-NG zu einem Prozess der Kohlenstoffentnahme werden – CO₂ wird aus der Atmosphäre gezogen und langfristig entfernt. Um zu verstehen, wie das funktioniert und welche Folgen das für Industrie und Märkte hat, haben wir mit Jens Schmidt, Chief Technology Officer bei TES, gesprochen. Er erläutert die Mechanismen, die CO₂-Bilanzierung und die Einsatzmöglichkeiten von CO₂-negativem e-NG.

Q: Jens, was ermöglicht es e-NG, über Net Zero hinauszugehen und tatsächlich CO₂-negativ zu werden?

Jens Schmidt: Um einen CO₂-negativen Fußabdruck zu erreichen, muss CO₂ dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt werden – nicht nur vermieden. Genau hier kommen CO₂-Abscheidung, Transport und Speicherung ins Spiel. Wenn wir CO₂ einfangen, das ursprünglich von der Natur aus der Luft entnommen wurde (also biogenes CO₂), und es dauerhaft unterirdisch speichern, entsteht ein negativer Fußabdruck, der als CO₂-Gutschrift angerechnet wird.
Die Natur nimmt jedes Jahr rund 750 Gigatonnen CO₂ durch Photosynthese auf und gibt sie wieder ab – etwa 400–500 Gigatonnen kommen von Biomasse an Land. Dieser Kreislauf ist klimaneutral, weil er genauso viel freisetzt, wie er bindet. Die menschlichen Aktivitäten hingegen fügen jedes Jahr weitere 37–40 Gigatonnen CO₂ hinzu und bringen das Gleichgewicht ins Wanken.
e-NG schließt diese Lücke. Wir entnehmen biogenes CO₂ dem natürlichen Kreislauf, wandeln es in e-NG um, transportieren es dorthin, wo es gebraucht wird – und wenn das bei der Nutzung freiwerdende CO₂ erfasst und dauerhaft gespeichert wird, wird dieses CO₂ endgültig aus dem Kreislauf entfernt. Im Gegensatz zu Biomasse, die wieder zerfällt und CO₂ freisetzt, ermöglicht e-NG permanente Entnahme. Das macht es CO₂-negativ.
Im Unterschied zu anderen Energieträgern wie Ammoniak, die maximal CO₂-neutral sein können, erlaubt e-NG den Transport biogenen CO₂s über bestehende Gasinfrastrukturen zu Regionen mit geeigneten Speicherstätten. Dafür braucht man nur CO₂-Abscheidung und -Speicherung an wenigen strategischen, kosteneffizienten Standorten.
Schaubild "How to harness natures’ CO2 cycle to offset human carbon emissions"
Wie sich der natürliche CO₂-Kreislauf nutzen lässt, um menschengemachte Emissionen auszugleichen 

Q: Wie funktioniert die CO₂-Bilanzierung, wenn ein Teil des CO₂ gespeichert wird?

JS: Wir betrachten den gesamten Lebenszyklus – von der Abscheidung bis zum Endverbrauch. Jeder Schritt hat eine eigene CO₂-Intensität: CO₂-Capture benötigt Energie, Elektrolyse ebenfalls - Methanisierung nutzt Wasserstoff.
Wenn all diese Schritte mit erneuerbarem Strom und biogenem CO₂ arbeiten, kann der e-NG-Fußabdruck nahezu bei Null liegen. Auch wenn für CO₂-Abscheidung oder Verflüssigung teilweise Netzstrom genutzt wird, bleibt e-NG deutlich unter dem RFNBO-Grenzwert von 28 g CO₂e/MJ.
Wenn wir am Ende eine Tonne biogenes CO₂ dauerhaft speichern, gilt das als negative Emission. Wenn wir also eine Tonne biogenes CO₂ einfangen, zu e-NG verarbeiten und im Lebenszyklus oder bei der Nutzung nur 50 kg freisetzen, während 950 kg dauerhaft gespeichert werden, ergibt das einen Nettoeffekt von –950 kg. Entscheidend ist: Das gespeicherte CO₂ stammt ursprünglich aus der Atmosphäre. Wir reduzieren also aktiv den atmosphärischen CO₂-Vorrat.

Q: Welche Industrien profitieren am stärksten von diesem CO₂-negativen Ansatz?

JS: Jede Branche, die heute Erdgas nutzt, kann sofort Emissionen reduzieren, indem sie e-NG einsetzt – ohne Infrastruktur- oder Prozessänderungen, ähnlich wie bei Biomethan.
Wenn dort bereits CO₂-Abscheidung vorhanden ist oder ergänzt wird, können diese Nutzer sogar CO₂-negativ werden. Darüber hinaus können Unternehmen negative Emissionen dazu nutzen, unvermeidbare Emissionen in ihrer Wertschöpfungskette auszugleichen.
Beispiel: Ein Zuckerproduzent hat unvermeidbare Emissionen im Transport. Durch Abscheidung und Speicherung biogenen CO₂ nach der Nutzung von e-NG kann er diese Emissionen kompensieren – und sogar einen Netto-neutralen oder Netto-negativen Fußabdruck erreichen.
Diese Gutschriften sind besonders wertvoll, weil sie nicht abstrakt sind. Jede Tonne kann vom Capture bis zur Speicherung transparent verfolgt und verifiziert werden.

Q: Einer der wichtigsten Vorteile von e-NG ist die Infrastrukturkompatibilität. Warum ist das so entscheidend?

JS: Weil Zeit eine kritische Rolle spielt. Andere Wasserstoffderivate wie Ammoniak oder Methanol erfordern neue Infrastruktur – Pipelines, Terminals, Schifffahrtsrouten. Das dauert Jahrzehnte.
Die Gasinfrastruktur hingegen existiert bereits: allein in Deutschland über 500.000 km Leitungen. e-NG ist vollständig kompatibel, sodass wir erneuerbare Moleküle schon heute im großen Maßstab transportieren können – nicht erst 2037.
Dasselbe gilt für CO₂. Viele Biomasseanlagen liegen weit entfernt von Speicherstandorten. Indem wir ihr CO₂ in e-NG umwandeln, können wir es als Energie in bestehenden Gasnetzen dorthin transportieren, wo es nach der Nutzung abgeschieden und gespeichert wird.
Das ist der doppelte Vorteil von e-NG: Es ist Energie- und CO₂-Träger zugleich.

Q: Kannst du an einem konkreten Beispiel erklären, wie ein Unternehmen e-NG integrieren kann?

JS: Ein gutes Beispiel ist unser TES-Projekt in Florida. Ein lokaler Zuckerproduzent verarbeitet dort jährlich rund fünf Millionen Tonnen Zuckerrohr. Die Restbiomasse – Bagasse – wird verbrannt und setzt biogenes CO₂ frei.
Wir planen gemeinsam, direkt neben dem Standort eine e-NG-Anlage zu errichten. Wir fangen dieses CO₂ ab, nutzen Solarenergie und Biomasse-KWK für die Elektrolyse, produzieren Wasserstoff und kombinieren beides zu e-NG. Da der Standort ans Gasnetz angeschlossen ist, kann das e-NG direkt eingespeist und z. B. an die Kreuzfahrtindustrie in Florida verkauft werden.
Wenn das CO₂ auf See frei wird, bleibt der Kreislauf klimaneutral. Wird dasselbe e-NG jedoch in einem Kraftwerk oder Reformierer mit CO₂-Abscheidung genutzt, wird der Prozess CO₂-negativ.
Ähnliche Projekte entwickeln wir in Spanien, Schweden und Finnland – überall dort, wo Unternehmen große Biomasse- und Waldflächen besitzen. Auch dort wird biogenes CO₂ in e-NG umgewandelt und am Ende des Lebenszyklus gespeichert, sodass der gesamte Prozess CO₂-negativ wird.

Q: Und wie sieht es mit der Verfügbarkeit von biogenem CO₂ aus? Kann das global skaliert werden?

JS: Ja. Die Frage kommt häufig: Gibt es genug biogenes CO₂, um e-NG groß auszubauen? Die Antwort ist eindeutig: absolut.
Die Natur produziert jedes Jahr rund 110 Milliarden Tonnen Biomasse. Das entspricht 400–575 Gigatonnen CO₂, die jährlich durch Pflanzen und Böden zirkulieren – etwa zehnmal mehr als alle menschengemachten Emissionen zusammen.
Unser Problem ist also nicht die Menge, sondern unsere Fähigkeit, diesen natürlichen CO₂-Strom sinnvoll zu nutzen. Sonnenlicht und CO₂ erledigen die Arbeit – e-NG fängt diesen erneuerbaren Kohlenstoff ein und macht ihn speicher- und transportfähig.
e-NG ist einer der wenigen skalierbaren Energieträger, der den Schritt von Net Zero zu CO₂-negativ schafft, ohne die bestehende Infrastruktur zu ändern. Durch die Kombination von erneuerbarem Wasserstoff, biogenem CO₂ und Speicherlösungen am Lebensende ersetzt e-NG nicht nur fossiles Erdgas – es entfernt aktiv CO₂ aus der Atmosphäre.
Oder wie Jens es formuliert: „Wir leihen uns CO₂ aus der Natur, transportieren es als Energie und wenn wir es speichern statt freizusetzen, geben wir zurück, was wir entnommen haben. Genau dann wird Energie wirklich CO₂-negativ.“